Ein paar Worte zum aktuellen IPCC Zwischenbericht…

Liebe Leser*innen,

Diese Woche wurde ein neuer Bericht des Internationalen Klimarates (IPCC) veröffentlicht, der Landnutzung, Klimawandel und Landwirtschaft zum Thema hat. Offiziell lautet der Titel: “Climate Change and Land, an IPCC Special Report on Climate Change, Desertification, Land Degradation, Sustainable Land Management, Food Security, and Greenhouse Gas Fluxes in Terrestrial Ecosystems”

Der Bericht bestätigt, dass unser momentanes Landwirtschafts-System sich so nicht länger weitertragen lässt.

Es gab bereits viel Resonanz in der Öffentlichkeit und ich möchte hier eine kurze Stellungnahme Juliette Majot übersetzen, zusammenfassen und ergänzen:

Unsere Kauf- und Konsumentscheidungen im globalen Norden zu ändern und unsere Essgewohnheiten umzustellen, werden nicht reichen, dass marode System zu sanieren oder gar einen Wandel hin zu regenerativen Landnutzungs-Systemen einzuläuten.

In den Medien habe ich die letzten Tage viel über die Ernährungsaussagen des IPCC-Berichts gehört, aber da hört es leider oft auch schon auf. Wir müssen die größere Aussage des Ganzen beleuchten: Zum einen muss sich auf der Konsumentenseite die proteinreiche, oft fleisch-lastige Ernährungsweise im (überwiegend vom westlichen Lebensstil geprägten) globalen Norden ändern! Zum anderen muss sich auch der Produzentenseite die großen, industrialisierten Produktionssysteme, die ihre negative Externalitäten nicht entsprechend adressieren, durch Lebensmittelproduktionen ersetzten, die sich auf agrarökologische, regenerative Methoden fokussieren. Es steht letztendlich nichts anderes als die Ernährungssicherheit (und Ernährungssouveränität) auf dem Spiel. Es gilt Klimaresilienz und Anpassung an die zunehmenden Wetterextreme durch erhöhte Vielfalt und Re-lokalisierung unserer Produktionssysteme zu fördern.

Dazu müssen wir etwas ändern. Es ist meiner Meinung nach offensichtlich, dass die Marktmanipulationen und das „Greenwashing“ der Agrarindustrie nicht ausreichen, um eine nachhaltige (oder besser regenerative) Landwirtschaft zu etablieren. Ganz im Gegenteil, wird aktiv im großen Agrargeschäft oft in andere Richtungen gerudert: Die Marktmacht der Industrie geht inzwischen soweit, dass unser ganzes Marktgeschehen, die nationale Gesetzgebung, internationale Handelsabkommen und sogar die Nachfrage der Verbraucher durch die Konzerne manipuliert wird. Leider oft nicht im Sinne des Gemeinwohls…

Wir müssen uns als Verbraucher und souveräne Bürger informieren. Dazu müssen regenerative, agrarökologische Ansätze in die breite Masse getragen werden und verständlich aufbereitet werden. Leider ist es mit der Komplexität und der unabdingbaren Interpendenz oft selbst für „Profis“ nicht einfach die vernetzten Zusammenhänge zu durchschauen.

Ich lade Sie ein, sich wieder zu beteiligen: Im Gespräch mit den Produzenten vor Ort. Teilhabe und Solidarität für gute Landwirtschaft neu zu entdecken und sich wieder mit einem wichtigen Aspekt unserer Kultur zu beschäftigen: Der Agrarkultur.

Weltweit ist Landwirtschaft einer der größten Treibhausgas-(THG)-Produzenten. 2018 wurde bereits ein Bericht vom amerikanischen Institut für Landwirtschaftliche Handelspolitik (IATP) und GRAIN veröffentlicht, der die THG-Emissionen nach Firmen (anstatt Ländern) einteilt: Emissions Impossible

Dabei wird deutlich, dass es eine riesige Diskrepanz zwischen der Verantwortlichkeit und dem Handeln der weltweit größten Fleisch- und Milchproduzenten gibt. Verantwortlich für die Planung, Gestaltung, den Betrieb und letztendlich auch Vertrieb und Bewerbung von groß-industriellen Landwirtschaftssystemen der Fleisch- und Milchindustrie, müssten diese Konzerne auch für die Folgen ihres Handelns zur Rechenschaft gezogen werden.

Dabei ist es jedoch wichtig, dass wir nicht alle Produzenten über einen Kamm scheren. Tierhaltung kann, (!) wenn Sie unter agrarökologischen Grundsätzen geschieht (!), die Ökosystemdienstleistungen unserer Weiden, Wälder und Äcker sogar fördern. Leider sehe ich in der öffentlichen Diskussion immer häufiger Pauschalisierungen und die globale Verstrickung unserer Produktionsketten und Versorgungsstrukturen ist dabei nicht hilfreich: Je weiter wir uns von den Produzenten entfernen, umso schwieriger wird es die wirklichen Auswirkungen einzuschätzen. Dabei müssen wir aber noch weiter denken, als nur bis zu unserer Ernährung. Die Problematik zieht sich leider durch unser gesamte Konsumkultur: Kleidung, Elektronik, Medikamente, Einrichtung, Bau…

Aber bleiben wir hier jetzt bei der Ernährung und der Landwirtschaft:

Es gibt viele Kampagnen die sich auf die Reduzierung des Fleischkonsums fokussieren – und das ist auch gut so. Allerdings sollten wir dabei nicht aufhören nur an die einzelne Verbrauchermeinung zu appellieren, sondern tatsächlich auch die Industrie mit in die Verantwortung nehmen. Wir können dabei die Rolle der regenerativen Produzenten stärken, die in Einklang mit der Natur und in komplexen, natürlichen Produktionszyklen arbeiten; dabei unsere Böden wieder aufbauen und Wasser- und Nährstoffkreisläufe reparieren. Eine einfache „Esst-Kein-Fleisch-(mehr)“ Botschaft ist da zu kurz gegriffen, denn wenn wir stattdessen zum veganen Reagenzglas-Fleisch oder den Soya-Pattie aus Latein-Amerika greifen, ist auch dies keine einwandfreie Lösung. Reduzieren Sie den Verbrauch; ja! Achten Sie darauf, wo Ihre Lebensmittel herkommen (und nicht nur die tierischen Produkte)! Lernen Sie wieder Ihren Bauern kennen und erfahren Sie, warum er Dinge macht, wie er sie macht! Die Gefahr ist sonst einfach zu groß, populistisch und fehlgeleitet in eine negative Spirale zu verfallen und allen Landwirten, die sich um den Aufbau unserer Agrarökologie kümmern, den Wind aus den Segeln zu nehmen.  

Vegetarische/Vegane Ernährung, die sich weiterhin auf destruktive Anbaumethoden stützt hilft dabei auch hier keinen (ich denke ich an regelmäßige tiefwendende Bodenbearbeitung, Monokulturellen Flächenbau, synthetischen Düngemitteleinsatz und die Verwendung von chemischen Herbiziden, Fungiziden, Pestiziden). Auch die Sozio-Ökonomische Dimension dürfen wir nicht vergessen: Ausbeutung der produzierenden, ländlichen Bevölkerung, weite Transportwege, sowie die Möglichkeit Kleinproduzenten zu stützen und somit für eine Vielfältige Produktionswelt zu sorgen, sollten auch bedacht werden.

Wir haben uns von der Agrarkultur zur Industrienation entwickelt. Inzwischen sind wir eine Digitalgesellschaft und entwickeln uns in einer rasanten Geschwindigkeit zur Bio-Tec-AI-Society; dabei haben wir aber einen hohen Preis bezahlt, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass kaum noch jemand weiß wie eine Landwirtschaft aussehen könnte, die gut ist für Land, den Bauern, das Ökosystem und damit ultimativ für den Verbraucher…

Wir sehen zurzeit zum Glück, dass Bio-Lebensmittel im Trend liegen und eine steigende Zahl von Verbrauchern sich bewusst zu nachhaltigerem Konsum entscheide möchte. Allerdings ist zurzeit noch nicht klar, ob sich mit diesem Trend auch tatsächlich die sozialen Werte durchsetzen können, die wir brauchen, um die Landwirte einer regenerativen Agrarkultur zu unterstützen. Zum Beispiel liegt in der Entscheidung hin zum „totfreien“ Laborfleisch, eher eine Abkehr von integrierter, bäuerlicher Landwirtschaft und ein Zuwenden zu Großindustrieller High-Tech Produktion. Eine Versorgung mit hoch-prozessierten Lebensmitteln im Fastfood-Style ist nicht gerade das, wovon unsere Gesellschaft mehr braucht.

Wir brauchen Tiere auf unserem Land – nicht in den Ställen und auch nicht in der aktuellen Masse! Dabei ist es für Ökosystemprozesse auch unerlässlich, dass wir ein ewiges Rad von Verfall & Abbau zu Neugeburt & Wiederaufbau drehen. Ob wir die Tiere dann Essen, ist eine moralische Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen muss. Sicher ist allerdings, dass die momentan überwiegende Praxis Tierhaltung unethisch, unökologisch und – bei einer vernünftigen Bepreisung der negativen Externalitäten – auch nicht wirtschaftlich ist.  

Wir brauchen einen drastischen Wandel von einem grauen Einheitsbrei hin zur Wertschätzung und integrierten Nutzung der natürlichen Systemvielfalt.

Die Agrarkonzerne werden ihre Praktiken nicht ändern, wenn die Öffentlichkeit nicht einen enormen Druck ausübt.  Dabei kann der Verbraucher aber nicht sehen, wie regenerative Systeme funktionieren, wenn die Landwirte es ihnen nicht zeigen & beibringen. Der Landwirt kann aber seine Praktiken nicht anpassen, ohne die nötige Unterstützung und den nötigen Wissenstransfer, wie regenerative, nachhaltige Landwirtschaft funktioniert. Dazu brauch es ein politisches Umdenken, Verantwortung & Mut. Wir müssen zusammenarbeiten und an vielen Schrauben gleichzeitig drehen. Damit steht die Hoffnung: Regenerative Landwirtschaft für eine zukunftsfähige Gesellschaft.

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